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Veröffentlicht auf von Emily Dawn

'Aber ich kann nicht. Ich kann mein Herz nicht mehr verschließen und alles fällt dann hinaus. Auf den Boden, einfach so. Und wenn er den Raum betritt, dann vergesse ich es manchmal wieder aufzuheben. Ich habe noch nie so geliebt und wusste auch nicht, dass das geht!'

Als du das sagst, kannst du kaum atmen. Deine unerbittliche Liebe hat dir die letzte Luft genommen. Die letzten Tränen. Die Hoffnung hat sie zu Boden geworfen. Deine unerbittliche Liebe zu diesem einen Mann. Dem du dein Leben in die Hände gelegt hast, ohne zu fragen. Der dein Herz in der linken Tasche seines Hemdes spazieren trägt, zwischen Kaugummipapier und Kugelschreibern. Und eben auch der, der nicht mit dir lachend durch die Straßen läuft, um im nächsten Café, am kleinen runden Tisch, einen Cappuccino zu trinken. Der, der dir nicht mit seinen Fingern durch deine Haare fährt und Strähnen um sie wickelt. Und auch nicht der, der dich küsst und dich sein Leben schmecken lässt. So oft du auch in stummen Ecken sitzt und davon träumst, es zu sein. So bist du es nicht. Und du wirst es auch nie. Du bleibst immer wieder du, und das hältst du kaum aus.

'Ich habe heute Luftballons aufgeblasen. Für meine kleine Cousine zum Geburtstag. Sie waren rosa. Da musste ich an sein Hemd denken. Verstehst du jetzt, wie schlimm das ist? Ich musste an sein Hemd denken und daran, dass mir nur die Luftballons bleiben.'

Da habe ich verstanden, wieso du an deiner Geburtstagsparty in dem Meer von Luftballons untergegangen bist. Dich versteckt hast, vielleicht gesucht hast nach ihm. Und ein bisschen wolltest du wohl auch deine Tränen verstecken. Trotzdem hast du an dem Abend zum ersten Mal wieder richtig gelacht. Mit dem Herz auf der Zunge und ohne Angst, es könnte verloren gehen. Ich hätte das in dieser Zeit gerne öfter gesehen, dein Herz. Ich meine ganz und nicht zerkratzt von all den Fehlern und all deinem Schmerz.

'Seine Freundin trägt blond. Meinst du, mir würde das stehen? Ich meine, ein bisschen heller und das wär prima, oder? Glaubst du, dass er mich dann sieht? Glaubst du, dass ich dann kein Schatten mehr bin? Ich bin das so leid. Für jemanden nicht zu existieren, ist anstrengend. So sehr, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten kann.'

Als du aufgelöst in deinem Türrahmen gestanden hast. Mit den Händen vor dem Gesicht verschränkt, dahinter aufgerissene Augen und deinem blonden Lockenkopf, wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Was hattest du verdient? Und was konntest du noch ertragen? Ich habe deine Haare schwarz gefärbt. Weil ich gehofft habe, mit dem Verlust der blonden Farbe auch deine Liebe zu entziehen.

'Ich fühle mich nicht wohl. Und ich will den Menschen nicht mehr begegnen. Schon seit Wochen nicht mehr. Ich kann ihr Lachen nicht ertragen und ihr Glück nicht sehen. Ich sehe doch schon mein eigenes nicht. Da kann ich das von anderen erst recht nicht gebrauchen. Ich muss mich entlieben, weißt du. Muss das aufgeben. Ein Entzug von der absoluten Hoffnung, die bis zum Schluss da in mir drin gepocht hat.'

Das war kein Entzug. Das war viel schlimmer. Das war dein Ende, dachte ich. Ich habe dich betrachtet, wie du dein Leben, zerrissen und zerfetzt, zwischen Pizzakartons und Schachteln gelegt hast. Der erste Tag hat mich erschreckt. Ich war nicht auf deine dunkle Wohnung und dein aufgequirltes Gesicht vorbereitet, was nicht mehr ganz glatt und eigentlich von Wunden vernarbt an deinen gebrochenen Knochen hing. Auch war ich nicht auf deine Unordnung und deinen Selbsthass eingestellt. Auf deine Fahne auch nicht. Ich habe mich gefragt, wie schwarz dein Leben sein muss, in allen Details. Wieso es nichts mehr Schönes an dir gibt und warum dir das irgendjemand genommen hat, ohne dass du nur eine Minute dran festgehalten hättest.

'Ich habe gelernt, dass man loslassen muss. Dass das nicht heißt zu verlieren, sondern zu gewinnen. Schau mal, ich habe mein Leben wieder und meine Freiheit. Manchmal frage ich mich, wie ich so lange ohne Freiheit leben konnte. Wie ich mich an den Gitterstangen meines eigenen Käfigs festklammern konnte. Das war verrückt. Aber ich habe eben geliebt. Das tue ich auch immer noch, aber nur ein bisschen. Und vergessen werde ich ihn auch nie. Aber er bleibt eben nur ein Schatten, und ich stehe vor ihm. Nie wieder dahinter.'

Ein Jahr ist vergangen, als du mir diese Worte mit blauem Stift auf den Tisch schreibst. Einfach so, weil die Zettel schon aufgebraucht waren.
Bevor du gehst, machst du noch ein kurzes Handzeichen und greifst wieder zum Stift.

'Wenn man stumm ist, schreibt man seine Seele auf Papier und manchmal schreibt man Geschichte.'

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